Facharbeit: Dorf des Vergessens

Entwicklung des städteplanerischen Anforderungskatalogs

2 Entwicklung des städteplanerischen Anforderungskatalogs

In diesem Arbeitsschritt werden ausgewählte theoretische Sachbereiche vorgestellt und für den städteplanerischen Anforderungskatalog des Entwurfs eines „Dorf des Vergessens“ analysiert.

2.1 Das Krankheitsbild Demenz

Demenz ist ein Sammelbegriff für eine Vielzahl von demenziellen Erkrankungen mit ihren krankheitsspezifischen Beeinträchtigungen für den Betroffenen. Die wohl gesellschaftlich bekannteste Form der Demenz ist die Alzheimer Demenz, andere Formen wie z.B. die vaskuläre Demenz, die durch Schlaganfälle entsteht oder das Korsakow-Syndrom nach langjährigem Alkoholmissbrauch sind eher weniger bekannt.
Nimmt man die wörtliche Übersetzung bedeutet der Begriff Demenz die Abwesenheit von „mens“, was lateinisch Denkvermögen heißt, weiterführend „de-mens“ lateinisch übersetzt „ohne Verstand“.7
Nach ICD 10, einem im Gesundheitswesen angewandten Diagnoseklassifikations-system, ist das demenzielle Syndrom eine Folge einer Erkrankung des Gehirns, es verläuft gewöhnlich chronisch oder fortschreitend. Beeinträchtigt sind viele höhere Funktionen der Hirnrinde einschließlich Gedächtnis, Denken, Orientierung, Auffassung, Rechnen, Lernfähigkeit, Sprache und Urteilsvermögen. Die kognitive Beeinträchtigung ist begleitet von Verschlechterung der emotionalen Kontrolle und des Sozialverhaltens8.
Ohne spezielle auf die weitreichenden und unterschiedlichen organischen Veränderungen im Gehirn der am demenziellen Syndrom erkrankten Patienten einzugehen sind für diese Facharbeit die Auswirkungen der Erkrankung auf die Persönlichkeit, das Denken, die Wahrnehmung, die Orientierung und des Gedächtnisses grundlegend.
Wie im ICD10 beschrieben ist Demenz eine fortschreitende und weitestgehend nicht heilbare, höchstens im Verlauf verzögerbare Erkrankung mit ausgeprägten mentalen Funktionsstörungen. Die Betroffenen erleben einen sich einschleichenden Verlust der Merkfähigkeit, verlegen Dinge, können sich an Namen nicht erinnern, versäumen Termine. Ihre Probleme bei der Alltagsbewältigung nehmen zu, der Gedächtnisverlust beeinträchtigt gerade das hier und jetzt, alte Erinnerungen bleiben erhalten. Desorientierung stellt sich ein, die Betroffenen findet Geschäfte nicht wieder, erscheint an Orten der Vergangenheit und können sich an den Weg nach Hause nicht erinnern. Es kommt zu einem immer deutlicher werdenden Abbau der selbstverständlichen Fähigkeiten, Sprachstörungen in Bezug auf die Ausdrucksfähigkeit der Wünsche oder Bedürfnisse, Vernachlässigung der eigenen Person in Bezug auf Körperpflege und Gesunderhaltung, das Vergessen von Essen und Trinken.
Was bleibt und evtl. sogar verstärkt hervortritt sind die charakteristischen Wesenszüge des Patienten. Ob fröhliche oder eher pessimistische Grundpersönlichkeit, das alte Ich des Betroffenen ist weiterhin erkennbar.
Im Laufe dieses fortschreitenden Prozesses der Erkrankung, der zeitlich sehr unterschiedlich von Monaten bis Jahren ist, wird ein Demenzpatient immer mehr abhängig von fremder Hilfe.
Begleitet wird das Fortschreiten der Erkrankung von der Angst der Betroffenen. Immerhin bekommen sie in den ersten Stadien bewusst mit, was mit ihnen geschieht. Werden anfangs noch Strategien entwickelt, die Vergesslichkeit vor den Angehörigen zu kaschieren, ist die Diagnose, an einer Demenz erkrankt zu sein, ein großer Schock. Nicht zu wissen, wie man sich verändert, wann das Stadium eintritt, in dem man sich nicht mehr erinnert, dement zu sein, löst massive Ängste aus.
Diese Angst vor dem Ungekannten und das Nichtverstehen dessen, was andere Personen von ihnen wollen, führt auch im Umgang mit den Patienten zu Missverständnissen und zum Teil aggressiven Verhalten der Betroffenen gegenüber den Pflegenden.
Im Endstadium der Demenz sind die Betroffenen ähnlich einer Kleinkindsituation in allen Aktivitäten des täglichen Lebens auf andere Menschen angewiesen, wobei alterstypische Nebenerkrankungen das Zustands- und Pflegebild zusätzlich verstärken.9 10 11

2.2 Rechtliche Grundlagen zur Betreuung

Wenn eine Person seine Interessen, Bedürfnisse und Rechte nicht mehr ausdrücken kann, wenn die Verantwortung für das eigene Handeln nicht mehr übernommen werden kann, stellt sich die juristische und rechtliche Frage, wie in einem sicheren, dem Betroffenen nicht schadenden Rahmen, diese Verantwortung übernommen werden kann.
Bei Menschen, die krankheitsbedingt in ihrer Selbständigkeit und in ihrer autonomen Lebensführung beeinträchtigt sind, wurde 1992 das Betreuungsgesetz (BtG) erlassen.
§1896 BGB regelt die Übernahme einer „treuhänderischen Interessen-wahrnehmung“ und somit die Bestellung eines Betreuers für den Betroffenen.
Dieser Betreuer beschützt quasi den Betroffenen vor falschen Entscheidungen z.B. bezüglich seiner finanziellen Situation, sorgt für die kontinuierliche Teilnahme an der medizinischen Versorgung und bei fortschreitender Erkrankung leitet er alles in die Wege, um den Betroffenen in eine geschützte gegebenenfalls geschlossene Wohnstätte überzuleiten. Aber der Betroffene kann sich sicher sein, dass er mit seinem Betreuer alles Wesentliche in seinem Sinne absprechen kann und dies auch durch Kontrolle des Gerichts, dem gegenüber der Betreuer Rechenschaft ablegen muss, eingehalten wird.12

2.3. Bedürfnisse von Demenzkranken

Um die Bedürfnisse von Demenzpatienten zu beschreiben kann man sich an den Arbeiten des Sozialpsychologen Tom Kitwood orientieren, der in den 90er Jahren stark das Demenzverständnis und den daraus resultierenden Umgang beeinflusste.
Nach Kitwood hat ein dementer Mensch genau wie jeder andere Grundbedürfnisse, die er befriedigen möchte.
Diese Bedürfnisse sind Trost, Identität, Bindung, Einbeziehung und Beschäftigung13. Einige der Bedürfnisse lassen sich im Architekturmodell berücksichtigen, andere beziehen sich mehr auf das Pflegekonzept. So ist das Bedürfnis nach Trost, nach der Anerkennung, dass eine fortschreitende Demenz mit vielen Verlusten einhergeht und diese Nähe und Beistand erfordern, eine pflegetherapeutische Aufgabe.
Das Bedürfnis Identität lässt sich aber gut in den eigenen Lebensbereich des Bewohners integrieren. Die eigene Lebensgeschichte lebendig halten mit Bildern und Gegenständen aus der Vergangenheit, einzelne Erinnerungsstücke bewusst zur Orientierung einsetzen, die Biographie als Grundlage für Aktivitäten zu nehmen wird hier umgesetzt. Die einzelnen Wohnbereiche werden individuell angepasst, vertraute Symbole erscheinen in allen Bereichen und erleichtern die Orientierung. Ein früher passionierter Tennisspieler wird sich an dem Symbol Tennisschläger orientieren können, bei einem Angler würden Angelsymbole die Orientierung erleichtern. Wichtig ist, dass sich die Bewohner mit ihrem Symbol identifizieren können.
Bindung ist ein Bedürfnis, was sich sowohl städteplanerisch wie auch pflegetherapeutisch unterstützen lässt.
Einerseits bietet das „Dorf des Vergessens“ Wohnmöglichkeiten für Paare, in denen ein oder beide Partner erkrankt sind, andererseits wird mit der Kontinuität in der Begegnung mit den anderen Bewohnern Nähe und Bindung und damit Sicherheit geschaffen. Ein großer Gemeinschaftsraum, ein Café, das gemeinschaftliche Essen, gemeinsame Aktivitäten auf dem Gelände schaffen Halt und Sicherheit. Hierdurch wird gleichzeitig das Bedürfnis nach Einbindung in die Gruppe befriedigt. Die tägliche Begegnung mit immer den gleichen Personen, den gleichbleibenden Begebenheiten kann trotz des Vergessens eine gewisse Grundsicherheit schaffen.
Ein Ortswechsel, wie z.B. bei einer Verlegung in die Klinik, löst bei den Patienten eine große Unsicherheit, Angst und Unruhe aus.
Bindung ist aber auch eine Herausforderung für die Pflegekräfte, die den Bewohnern Stabilität und Halt in ihrer immer mehr auseinanderbrechenden Welt geben müssen.
Für die städteplanerische Gestaltung dieser Facharbeit ist allerdings im Wesentlichen das Bedürfnis nach Beschäftigung zu berücksichtigen. Beschäftigung und Bewegung wirkt einer Hospitalisierung der Bewohner entgegen, lassen sie aktiver am Leben teilnehmen und einen Sinn in ihrer eingeschränkten Welt finden. Gerade mit der Beschäftigung in Anknüpfung an die alltäglichen Fähigkeiten ihres früheren Lebens lässt sich eine hohe Zufriedenheit erreichen, wie z.B. durch die Versorgung von Tieren oder durch Gartenarbeit. Eine ausreichende körperliche Bewegung trägt ebenfalls dazu bei, den Bewohner zu aktivieren und ihn im normalen Rhythmus von Bewegungs- und Ruhezeiten zu stabilisieren.
Alle Bedürfnisse lassen sich allerdings nur unter dem Aspekt der Sicherheit und der sich aus den erkrankungsbedingten Einschränkungen der Patienten heraus städteplanerisch berücksichtigen und realisieren.14

2.4   Erkrankungsbedingte Einschränkungen von Demenzkranken

Die sich auf den städteplanerischen Anforderungskatalog auswirkenden Einschränkungen von Demenzkranken sind:

  • Fortschreitende Vergesslichkeit
  • Fortschreitende Orientierungslosigkeit
  • Fortschreitender Verlust der Persönlichkeit
  • Fortschreitendes Vergessen der persönlichen Versorgung
  • Fortschreitende Pflegebedürftigkeit
  • Fortschreitende Multimorbidität
  • Fortschreitende Abhängigkeit von Betreuung

2.5 Die pflegerische Versorgung von Demenzkranken

Um ein solches Dorf mit der optimalen Versorgung auszustatten bedarf es eines gut überdachten Pflegekonzeptes. Im Gespräch mit oben genanntem Thomas Krüger war viel darüber zu erfahren, nach welchen Ansätzen so ein Pflegekonzept ausgearbeitet wird. Der Umfang würde allerdings für eine einzelne Facharbeit ausreichen und sprengt daher den Rahmen des Entwurfs.
Auf die baulichen Voraussetzungen für die dort arbeitenden Berufsgruppen wird im Anforderungskatalog genauer eingegangen.
Im Entwurf nicht zu berücksichtigen aber erwähnenswert sind die neusten technischen Möglichkeiten, die eine rundum Versorgung von Patienten erleichtern. Hier sind  „Ambiet Assisted Living“ (AAL) ebenso anzuführen wie „Telehealth“ als zwei verschiedene Systeme von angebrachten Sensoren, die das schnelle Reagieren auf Probleme oder Notfälle gewährleisten, indem sie diese feststellen und an das Pflegepersonal weiterleiten oder selbst beheben. AAL bezieht sich hierbei auf die häuslichen Probleme, wenn z.B. der Herd oder das Licht angelassen wird (Zeitschaltuhren) oder wenn der Patient stolpert (Lagesensor). Telehealth bezieht sich eher auf die körperliche Überwachung, z.B. von Blutdruck und Temperatur. Zusammenwirkend können diese beiden Systeme die größtmögliche Sicherheit der Patienten unterstützen.15

2.6 Die Lage des Dorfes

Auch wenn der Arbeitstitel „Dorf des Vergessens“ den Eindruck vermittelt, hier eine eigene kleine Stadt zu erschaffen, sollte der Plan nur in Anbindung an ein funktionierendes Versorgungssystem verwirklicht werden. Niemals darf ein „Ghetto“ für Demente, eine Ausgrenzung aus der Gesellschaft und dem sozialen Leben entstehen.
Bei der Überlegung des Entwurfs waren die Örtlichkeiten des „Haus Hilten“ in Neuenhaus Gedankengrundlage. Ein Altenheim, ländlich am Stadtrand gelegen, mit allen Versorgungsstrukturen die für das „Dorf des Vergessens“ zu nutzen sind. Küche, Wäscherei, Pflegepersonal, Ehrenamtliche, Sozialarbeiter, kirchliche Vertreter, Hausmeister etc. Denkbar wäre die Umsetzung des Entwurfs auf den weitläufigen Wiesen neben dem Gelände des Altenheims. Da sich Wohngebiete, Kindergarten, Ärztehaus, Apotheke und Stadtkern in Lauf Nähe befinden, wäre die geschützte Anlage eine gelungene Erweiterung des Angebots und würde an Demenz erkrankten Bewohnern eine sichere Perspektive geben. Die Größe der Anlage richtet sich sowohl nach der Bewohneranzahl wie auch nach den Gegebenheiten des Geländes. Im Entwurf wurde die großzügige Planung der Wohnbereiche und eine modellhafte Gestaltung der Wege und Außengrenzen aufgezeigt. Hier wurde von optimalen Bedingungen ausgegangen, die wünschenswert für die Umsetzung wären.
Um die pflegerische Versorgung der Bewohner optimal zu gestalten ist neben dem sehr guten Personalschlüssel die räumliche Anordnung und Ausstattung des Pflegestützpunktes und der Wohneinheiten sehr wichtig. Ein zentraler Ort als Dienstzimmer der dort arbeitenden Berufsgruppen mit einer Übersicht über das ganze Gelände gibt Sicherheit. In den einzelnen Wohnbereichen muss es Versorgungseinheiten auf höchstem technischen Stand geben, um die Pflege der Bewohner optimal durchführen zu können. Bei fortgeschrittenem Krankheitsstadium muss eine sichere Tag- und Nachtbetreuung in den Wohnbereichen möglich sein.
Ein Begehen und Befahren des Geländes über gesicherte Einfahrten muss möglich sein. Ebenfalls die Begrüßung von Besuchern und Gästen, aber z.B. auch von Kindergruppen oder Chören. Hierfür sollten Räume der Begegnung und Ruhezonen im Gelände eingeplant werden.

2.7 Der städteplanerische Anforderungskatalog

Im Folgenden wird unter den Gesichtspunkten der im theoretischen Teil erarbeiteten Einschränkungen und Bedingungen ein Anforderungskatalog und die praktische Erarbeitung für einen Entwurf des „Dorf des Vergessens“ beschrieben

Bewegung und Orientierung

  • Sicheres geschlossenes Gelände
  • In sich verschlungene Wegführung ohne Enden
  • Einfache Grundrissstruktur mit abwechslungsreiche Ausgestaltung
  • Viele Grünflächen
  • Große Weitläufigkeit
  • Gesicherte Zufahrten auf das Gelände mittels Trickschlössern und optischen Barrieren
  • Zugangsmöglichkeiten für Personal, Gäste und Besucher
  • Ebene barrierefreie Laufflächen
  • Zentraler Pflegestützpunkt
  • Räume der Begegnung
  • Individuell gestaltete Wohneinheiten

Beschäftigung

  • Gestaltung des umschließenden Außenbereichs unter Berücksichtigung von Beschäftigungsmaßnahmen
  • Ruhepunkte zum Verweilen

Vergesslichkeit/Vergessen der persönlichen Versorgung

  • Straßennamen und Symbolik
  • Foodinseln
  • Zeitliche Orientierung

Allgemeines Gesamtumfeld

  • Parkplätze außerhalb
  • Anbindung an vorhandene Infrastruktur
  • Natürliche Begebenheiten in die Städteplanung einbeziehen
  • Möglichkeit der betreuten Teilnahme am Städtischen Leben

7) Medizinischer Dienst des Spitzenverbandes Bund der Krankenkassen e.V. (MDS), Grundstellungnahme, „Pflege
und Betreuung von Menschen mit Demenz in stationären Einrichtungen, November 2009, Seite 32
8) Vgl: ICD-10-GM-2017Systematisches Verzeichnis, Deutscher Ärzte-Verlag, Dezember 2016
9) Vgl: MDS, Grundstellungnahme, „Pflege und Betreuung von Menschen mit Demenz in Stationären Einrichtungen, November 2009, Seite 31ff
10) Studie „Demenz im Allgemein-Krankenhaus Prävalenz und Versorgungssituation“ der Hochschule Mannheim und der Technischen Universität München 2012- 2015, General Hospital Study
11) Vgl: Becker S., Brandenburg H., „Lehrbuch Gerontologie“, Bern, 2014, Seite 85ff
12) Vgl: Scherr, Umgang mit Zwangsmaßnahmen in Krankenhäusern, Psychiatrien und Pflegeeinrichtungen, Düsseldorf, Deutscher Krankenhaus Verlag, 2015, Seite37ff
13) Riesner C., in: „Wie geht es Ihnen“, „Das neue Verständnis von Demenz im personzentrierten Ansatz von Tom Kitwood“, Seite 13ff
14) Anmerkung: Die Hintergrundinformationen dieser und weiterer Ausarbeitung wurden in diversen Büchern, Artikeln, Internetrecherchen und Gesprächen erlangt. Die Quellen befinden sich im Quellenverzeichnis.
15) „Demenz-Gute Versorgung als Herausforderung“, www.schader-stiftung.de