11.05.2016: Stadt vergibt damit eine Zukunftschance

GENOSSENSCHAFTLICH WOHNEN UND ARBEITEN: Der Förderverein Lebens(t)raum würde gerne die Tompkins-Kaserne in ein bundesweit einmaliges Projekt verwandeln

Von unserem Redaktionsmitglied Jürgen Gruler

Dieter Konrad und seine Mitstreiter vom Förderverein Lebens(t)raum sind sich sicher: „Die Stadt ist drauf und dran, eine Zukunftschance zu vergeben. Das Areal der Tompkins-Kaserne bietet ideale Voraussetzungen dafür, ein genossenschaftliches Modell für Wohnen und Arbeiten zu erschwinglichen Preisen und mit sozialen Komponenten zu verwirklichen. Wenn nun in der Gemeinderatssitzung aber eine Gesellschaft zur Vermarktung gegründet wird und die Machbarkeitsstudie wie vorliegend in Auftrag geht, dann sind wir wahrscheinlich außen vor“, sagt Konrad. Dabei war er mit seinem Projekt bundesweit unterwegs und ist überall auf große Resonanz und Nachfrage gestoßen, sagt er. Wie heißt es in der Bibel: „Der Prophet gilt nichts im eigenen Lande.“

Für Dieter Konrad ist es deshalb wichtig, dass die Bürger und auch die Gemeinderäte, die am Donnerstag entscheiden sollen, wissen, um was es beim Lebens(t)raum geht. „Es berücksichtigt genau die Schwierigkeiten und Prognosen, die Wissenschaftler uns für die Zeit in 20 oder 30 Jahren voraussagen. Schwetzingen könnte hier bundesweit eine Vorreiterrolle einnehmen“, so Konrad. Dabei ist es ihm wichtig, dass die immer wieder zu hörende Äußerung, sie wollten ein Mehrgenerationenhaus bauen, überhaupt nicht stimmt. „Bei uns sollen auf dem 73 Hektar großen Areal Familien, Singles, Lebensgemeinschaften, Senioren, Behinderte und Menschen verschiedener Herkunft und Glaubensrichtungen wohnen und arbeiten können“, sagt er. Er hat sämtliche Gemeinderatsunterlagen der letzten drei Jahre durchgeackert und wundert sich, dass nie eingehend über ihr Projekt diskutiert wurde und nicht einmal der Lenkungskreis sie dazu eingeladen hat, das Projekt vorzustellen. Dabei stehe er allen Seiten gerne für Informationen zur Verfügung.

Genossenschaft zahlt Erbpacht

Klar ist für die Ideengeber, dass es nur Sinn macht, das gesamte Areal zu überplanen, da die integrierten sozialen Einrichtungen vom Kindergarten bis zur Schule, von der Wäscherei bis zur Gärtnerei, vom Tagungshotel bis zum Tagesessen oder zum Parkhaus in einem großen Netzwerk entstehen kann, an dem sich alle beteiligen.

„Das Generationenproblem, das wir heute sehen, beginnt im Kindesalter“, sagt Konrad. Und neueste Forschungen der Uni Heidelberg beweisen, dass Demenz weniger schnell voranschreitet, wenn die Betroffenen im normalen Umfeld leben – übrigens auch vorbeugend. „Bewohner, die nicht mehr im Arbeitsprozess stehen, könnten doch Kinder betreuen, bevor sie noch morgens in den Kindergarten oder die Schule gehen oder nachmittags, bis die Eltern wieder da sind. Damit werden Alleinerziehende und junge Familien im Arbeitsleben unterstützt und man kann brachliegende Kompetenzen wecken. Laut Dieter Konrad bieten die Kasernengebäude mit ihren hohen Dachgeschossen auch ideale Bedingungen, um dort Gemeinschaftsräume zu schaffen. In einem der Häuser gebe es sogar bombensichere Keller, die als Proberäume für Bands oder andere lautstarke Aktivitäten dienen könnten, weil sie akustisch abgeschirmt seien.

Lese man die Wahlprogramme der grün-schwarzen Regierungskoalition, dann liege das genossenschaftliche Modell genau auf deren Linie. Auch, weil man Start-ups massiv fördern

wolle. Genau die seien in einem Mietmodell in einer Genossenschaft steuerlich und vom Risiko her ideal aufgehoben. Ideen gebe es hier viele, auch inklusive Modelle seien denkbar. In Freiburg gebe es ein Hotel, in dem vorwiegend Menschen mit Handicap arbeiten, auch in einer Wäscherei oder einer Gärtnerei (die Abluft des einen könnte die Gewächshäuser des anderen heizen) sieht Konrad eine wunderbare Ergänzungsmöglichkeit. Und der Nabu habe ja mit dem Hirschackerwald auch ein Tagungszentrum geerbt, das man zusammen mit einem Hotel diesseits der Straße auslasten könne, meint Konrad weiter.

Langfristige Einnahmequelle

Wichtig sei dem Förderverein, dass die vielleicht 1000 Menschen, die hier später wohnen und arbeiten könnten, eine für sie gute Infrastruktur vorfinden. Spielstraßen in den Wohnbereichen sollen nur das Ausladen erlauben, die Autos kämen in ein zentrales Parkhaus, Kindergarten und Schule könnten auch in Richtung Waldorfpädagogik gehen. Und für die Stadt sieht er auch einen entscheidenden Vorteil: „Wenn jetzt eine Gesellschaft gegründet wird, die das Areal vermarktet, dann nimmt die Stadt einmal viel Geld ein, das dann aber genauso schnell für andere Projekte wieder abfließe. Gehe das Gelände aber auf Erbpachtbasis an eine Genossenschaft, dann habe die Stadt jährlich eine sichere und gute Einnahmequelle, mit der man rechnen könne. Konrad will am Donnerstag die Gemeinderäte dazu auffordern, den Punkt aufzuschieben, um die Lebens(t)raum-Idee gemeinsam besprechen zu können und vielleicht doch noch die Zukunftschance ergreifen zu können. Und er geht noch weiter in seiner Einschätzung: „Die Stadt könnte dem Jubiläumsmotto ‚Schwetzingen schreibt Geschichte‘ in diesem Punkt wirklich gerecht werden.“

(Schwetzinger Zeitung, Mittwoch, 11.05.2016)